Brandenburger Cafélandschaft

Brandenburg ist noch weit weg, aber schon jetzt ist klar, dass eine unserer größten Leidenschaften dort auf eine harte Probe gestellt werden wird:

Wir sind fast täglich in irgendeinem Café. Auch unser Großkind ist mittlerweile von diesem Ritual total vereinnahmt, wie dieser Tweet meiner Frau beweist:

 

Als wir letztens vor Ort waren um erste Eindrücke zu sammeln wollten wir auch erst einmal ein Café aufsuchen um etwas zu essen und zu trinken. Es war kurz vor 12 und wir hatten 2,5h Autofahrt hinter uns. Weit und breit war aber niemand zu sehen, die man fragen konnte, bis plötzlich eine Briefträgerin auftauchte. Also schnell hin zu ihr und gefragt:

Meine Frau: „Wo gibt es hier denn ein Café in der Nähe?“

Briefträgerin: „Sie wollen jetzt einen Kaffee trinken gehen? Es ist doch noch gar nicht nachmittags.“

Wir werden schon zueinander finden. Zur Not eröffne ich einfach jeden Tag ein Kirchencafé mit mir als einzigen Kunden.

Brandenburg. Wir kommen. 

Wir haben uns jetzt entschieden: wir werden raus nach Brandenburg gehen. 

Was das für mich bedeutet? Meine Frau wird Vollzeit arbeiten und ich bin Hausmann, betreue unsere beiden Kinder, versuche das Pfarrhaus (7 Zimmer!) zu reinigen und nebenbei ein wenig meine Freiberuflichkeit am Leben zu halten. Das richtige Leben als Pfarrfrau kann kommen! Aber es geht ja erst im Januar los… 

Ich freue mich schon jetzt auf spannende Erlebnisse, die ich mit euch teilen darf. Schon jetzt gibt es ungläubige Blicke, wenn wir davon reden, dass ich dann Zuhause bleibe. Ich freue mich aber total darauf!

Wie aus Impfgegner*innen Kämpfer*innen für den Datenschutz werden

„Du kannst ja mit deinem Kind einfach zuhause bleiben. Du musst ja nicht raus gehen in die Öffentlichkeit, wenn du dir Sorgen machst, dass es dann krank werden kann.“

Worte einer Mutter aus unserem Kinderladen zum Thema Masern. Unser Kind ist 7 Monate alt und damit noch zu klein zum Impfen. Und diese andere Mutter ist – vielleicht – Impfgegnerin. Ich weiß es nicht, da sie nicht sagen will, ob ihr Kind geimpft ist oder nicht.

Das Thema begann vor 2 Wochen, kurz nachdem für Berlin die Warnung herausgegeben wurde – auf Grund der Masernepidemie – mit Säuglingen die Öffentlichkeit zu meiden, vor allem Orte mit vielen Menschen. Unser Großkind geht in den Kinderladen – ein Ort mit so einigen Menschen – und meine Frau muss sie leider häufiger hin bringen, weil ich derzeit an 12 Tagen im Monat arbeite. Nun kann sie aber Baby nicht einfach zuhause lassen, wenn sie Großkind in den Laden bringen will, sondern muss es natürlich mitnehmen. Wir dachten uns also, dass wir die Eltern der Kinderladenkinder kurz per Mail unsere Sorge mitteilen. Gleichzeitig wollten wir wissen, wie denn der Impfstatus der anderen Kinder so aussieht und ob wir, aber auch zwei weitere Familien mit Säuglingen, bedenkenlos mit den Babys in den Kinderladen kommen können. Ganz harmlos diese Anfrage, so dachten wir.

WIR HATTEN JA KEINE AHNUNG!

1-2 Eltern antworteten relativ schnell und gaben Entwarnung: die Kinder sind durchgeimpft. Ein Vater schrieb auch, dass man ja nicht nur nach dem Status der Kinder, sondern auch der Eltern fragen sollte, da diese natürlich auch Überträger sein können. Recht hatte er.

Dann aber kam die erste interessante Mailantwort:

„Der Impfstatus unterliegt dem schützenswerten Persönlichkeitsrecht.“

Genau.

Meine Frau antwortete sehr freundlich und verständnisvoll auf diese Mail und betonte, dass es ihr um keine Diskussion um das Für und Wider von Impfungen ginge. Aber es kam keine Antwort.

Heute nun traf ich auf die Verfasserin der Mail und nachdem wir über alle anderen wichtigen Dinge gesprochen haben (es war das Vorstandstreffen vom Kinderladen), kamen wir auch noch auf das Thema Impfen, da es beim nächsten Elternabend besprochen werden soll. Und sehr schnell gerieten wir aneinander. Was ich am spannendsten an der Diskussion fand war die Tatsache, dass wir tatsächlich nicht über Impfen an sich gesprochen haben, sondern sie sehr schnell auf das Thema Datenschutz und Schutz der Persönlichkeitsrechte kam. Sie hat sich und auch andere Impfgegner*innen als Verteidiger*innen dieser Persönlichkeitsrechte hingestellt.

„Heutzutage werden wir von allen Seiten überwacht und Listen über uns angefertigt. Da ist es einfach wichtig, nicht alles von sich preis zu geben.“

Nicht vergessen: es geht hier einzig und allein um eine kurze Info darüber, ob man bedenkenlos mit einem Baby in einen Kinderladen gehen kann! Daraus bastelte sie (und übrigens auch eine andere Mutter aus dem Kinderladen) einen Angriff auf den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte. Sie war plötzlich ein Opfer und wir die Täter, die ihr ungeheuerliche Dinge abverlangt haben.

Und als ihr nichts mehr einfiel kam dann die Aussage vom Eingang: „Bleibt doch zuhause, wenn ihr euch Sorgen macht.“

Ja, sicher. Wir haben ja kaum eine andere Wahl. Wegen Leuten wie den Eltern dieses Kindes, die nicht nur daran beteiligt sind, dass sich diese Masern weiter ausbreiten können, sondern sich dann auch noch aufschwingen als Retter*innen. Sie entfachen ein kleines, buntes Ablenkungsmanöver und fühlen sich auch noch gut dabei. Und ich könnte nur noch kotzen.

Brandenburg anyone?

Wir haben noch zehn Monate. Zehn Monate in unseren eigenen vier Wänden. Danach ändert sich vieles. Oder alles?

Die folgenden Zeilen werden vermutlich ein leiden auf hohem Niveau im Vergleich zu dem Text, den ich kurz vor dem eigenen Schreiben gelesen habe. Aber das Thema umtreibt mich, umtreibt uns, seit einigen Monaten. 

Eine Veränderung steht an. Zum Januar nächsten Jahres werden wir als Familie unsere Wohnung verlassen. Und nicht nur unsere Wohnung, sondern unseren Kiez. Unsere dörfliche Gemeinschaft inmitten der Großstadt. Die Nähe zu vielen Freund*innen und der nahen Verwandtschaft. Meine Frau wird zum ersten mal in ihrem Leben in einer anderen Wohnung leben. Nach über 30 Jahren. Unser Großkind wird ihre Kinderladenfreund*innen aufgeben müssen. 

Kurz gesagt: wir fühlen uns nicht wohl mit diesem Gedanken. 

Uns bleibt aber auch keine andere Wahl. Nach dem Vikariat in dem meine Frau gerade ist kommt der Entsendungsdienst. Unsere Landeskirche legt fest, wohin man kommt. Man wird entsandt. Die ganze Weite Brandenburgs steht uns offen. Für manche klingt das verlockend, für uns eher abschreckend. Ja, man kann auch eine Stelle in Berlin erwischen, aber man hat kaum ein Mitspracherecht. Zumindest nicht bei den Berliner Stellen. Wer sich da um eine Gemeinde bemüht, landet garantiert nicht dort. Sich die Butter vom Brot nehmen lassen, darauf steht die Landeskirche nicht so sehr. 

Für Brandenburg sieht das ein wenig anders aus. Die vakanten Stellen sind nicht so beliebt. Man kann sich also im voraus mit der*dem örtlichen Superindentend*in treffen und bei Gefallen aneinander würden diese dann genau die eine Person für die vakante Stelle anfordern. Es gibt auch hier keine 100%ige Garantie, dass es wirklich klappt, aber je tiefer im Nirgendwo Brandenburgs man sich aufhält, desto wahrscheinlicher ist es, dass es klappt.

Und obwohl wir uns mit dem Gedanken an Brandenburg nicht wohl finden, werden wir uns trotzdem demnächst so eine Stelle anschauen. Möglicherweise ist es auch eine Stelle, die nicht ganz so unattraktiv ist. Immerhin ist auch die Verbindung in unsere Heimat gut. So kann man schnell zurück fahren, falls die Sehnsucht ganz groß ist, oder auch schnell Besuch empfangen.

Was sich auch ändern würde, für den Fall, dass wir nach Brandenburg gehen: ich würde nicht mehr arbeiten gehen (außer von zuhause aus vielleicht ein wenig weiter freiberuflich meine Layoutdienste anbieten), sondern würde beide Kinder zuhause betreuen. Die Vorstellung in einem großen Pfarrhaus mit Garten jede Menge Platz zum Toben, Experimentieren, Malen, Basteln, Kochen und Hämmern zu haben, ist durchaus sehr reizvoll. Noch schöner wäre es, wenn meine Frau auch nicht arbeiten müsste und wir könnten zu viert zuhause sein. Das wäre ideal.

Und: nach 2 Jahren ist der Entsendungsdienst vorbei und wir könnten wieder zurück in die große Stadt. Nicht wir könnten, sondern wir würden dann zurück gehen. Denn da unschooling in Deutschland nicht geht, würden wir Großkind immerhin in die freieste Schule bringen wollen, die wir hier so vorfinden. Ähnliches gibt es in Brandenburg nicht.

 

Fragen, Reden, Gespräche: Der Kampf gegen meine Sprachlosigkeit

Meine Oma beging Suizid als ich 3 Jahre alt war.

Ich erfuhr davon erst jetzt – mit 30 Jahren. Weitere Nachfragen nach den genauen Umständen wurden schnell wieder von meinem Stiefvater abgeblockt bevor meine Mutter sich groß in Rage reden konnte und eher über ihre Geschwister schimpfte. Nachdrücklich im Gedächtnis blieb mir beim Gespräch aber , auf meine Aussage hin, dass ich das ja noch gar nicht alles wusste und immer dachte, sie wäre eher am Alkohol zugrunde gegangen (was jetzt auch nicht unbedingt die tollste Geschichte wäre), nur ein Satz meiner Mutter:

„Darüber sprechen wir halt nicht.“

Meine Antwort: „Darum frage ich ja.“

Fragen, Reden, Gespräche: die Familie in der ich groß geworden bin, kann das nicht so gut. Über Themen reden, die bedeutend sind. Solche Themen wurden schon immer gerne ausgeblendet. Darüber sprachen wir nicht. Meine Frau ist immer wieder verwundert, wie wenig Gespräche und Diskussionen in meiner Familie existieren. Ich empfinde es auch so, dass wir als Familie erschreckend wenig miteinander reden. Schon immer. Dem geringen Mitteilungsbedürfnis entgegen steht z.B. der große Wunsch meiner Mutter mehr am Leben meines älteren Bruders teilzuhaben: „Er erzählt ja nichts.“ Fragen stellen tut sie aber auch nicht.

Falls man aber meinem Bruder wirklich einmal Fragen stellt, erhält man Antworten mit denen man nicht viel anzufangen weiß. Überwuchert von lauter Sarkasmus verbirgt sich irgendwo der Hauch einer Wahrheit, einer Information über ihn und seine Gefühle. Nachfragen führt nur zu einer weiteren Welle an Sarkasmus, die die vorherige noch überlagert, so dass man am Ende vom Gespräch nicht einmal sagen kann, ob auch nur irgendeine Aussage stimmt. An meines Bruders Kern zu gelangen erscheint unmöglich. Auch meine Frau, qua Profession qualifiziert Gespräche zu führen, verzweifelt hier auch gerne.

Wir reden nicht über Gefühle, wir reden nicht über Konflikte – ja, wir hatten in all den Jahren zuhause niemals Konflikte. Das es so etwas überhaupt geben kann ist mir jetzt, nach 10 Jahren außer Haus, unbegreiflich. Und eigentlich kann es so etwas auch nicht geben. Orte, an denen es keine Konflikte gibt, sind Orte in denen man nicht miteinander spricht. Entweder, weil man nicht will, oder weil man nicht kann: „Darüber sprechen wir halt nicht.“

Kommunikation fällt mir noch immer sehr schwer. Konflikte austragen sowieso, davon kann meine Frau ein Lied singen. Ich habe zuhause nicht gelernt zu kommunizieren, zu diskutieren oder zu streiten. Mir fällt es noch immer schwer. Ich kämpfe ständig gegen meine Schwäche ausführlich zu reden und zu schreiben an. Mit wenigen Sätzen versuche ich oft alles notwendige auszudrücken. Leider bleiben dabei viele Informationen, Gedanken und Gefühle auf dem Weg liegen. Der dann erbrochene Satz lässt oft viel vermissen – nicht nur korrekte Grammatik. Viel vor allem von dem, was ich eigentlich zu sagen hätte, aber nicht kann.

An der Uni hatte ich Schwierigkeiten damit eigene Gedanken zu formulieren. Meine besten Hausarbeiten waren die, bei denen ich möglichst viele fremde Quellen (korrekt) zitieren und in einen logischen Zusammenhang bringen konnte. Selbstständig etwas niederzuschreiben, zu formulieren, zu entwickeln führte mir oft vor Augen, was ich nicht kann.

Und heute – nachdem ich elf Jahre vom Elternhaus weg bin, acht Jahre mit meiner Frau zusammen bin (die mich zum reden und streiten auffordert), drei Jahre nach meinem Master-Abschluss und drei Jahre mit zwei eigenen Kindern – fürchte ich mich immer noch vor dem Reden, Diskutieren und dem Niederschreiben von Gedanken. Immer schwingt die Angst mit, nicht zu genügen. Ich lese täglich so viele Texte, so viele wundervolle Gedanken in anderen Blogs, bei Facebook oder Twitter, und immer bleibt der Wunsch hängen: ich will meine Gedanken auch so strukturiert und lesenswert niederschreiben und äußern können.

Jeder selbstverfasste Text ist ein Schritt. Ein Schritt weg von der Sprachlosigkeit mit der ich aufwuchs und die mich ständig begleitet.