Der Teufel, das sind die Anderen

Die folgende Predigt fnde ich besonders eindringlich und sprach mich sehr an. Darum will ich sie mit euch teilen. Beim Lesen der Predigt in der der Gedanke, dass das „Böse“ immer als etwas äußeres, externes angesehen wird, musste ich unweigerlich an so mancherleich Bewegungen der letzten Zeit denken Pegida, Antifeministen, Gamergate. Der Teufel, das sind die Anderen.

Geschrieben hat die Predigt Susanne Brusch. Sie ist Pfarrerin im Entsendungsdienst in einem kleinen, heimeligen Ort in Brandenburg.

Satan. Beelzebub. Luzifer. Teufel. Er hat viele Namen. In der Kunstgeschichte erscheint er mal als Mensch, mal als Tier, mal als ein Monster. Aber er hat immer bestimmte Merkmale, an dem man ihn erkennen kann: Bocksfüße, behaarte Beine, einen Schwanz und Hörner. Menschen haben sich in der Geschichte viele Bilder vom Teufel gemacht.

Als Jesus nach seiner Taufe vom Teufel versucht wird, beschreibt der Evangelist Matthäus nicht wie der Teufel aussieht. Er schreibt: Jesus wird vom Geist in die Wüste geführt. Dort sollte er vom Teufel auf die Probe gestellt werden. Kein Wort über die Äußerlichkeiten, das scheint gar nicht wichtig zu sein. Dafür schreibt Matthäus ausführlich über den Inhalt der Versuchung.

Die vielen Namen des Teufels bedeuten übersetzt: der Widersacher, der Entgegen-Steller, der Morgenstern, der Versucher. Der Versucher. Mit diesem Namen, dieser Bedeutung kann ich am Meisten anfangen. Denn ich habe Erfahrungen mit der Versuchung – weil ich ein Mensch bin, und weil ich an Gott glaube.

Jesus ist der Versuchung auf zweifache Art ausgeliefert: Einmal als Mensch und einmal als Gottes Sohn. Während er in der Wüste, oben auf der Tempelzinne und hoch oben auf dem hohen Berg steht kämpfen in ihm seine Naturen: das Menschliche und das Göttliche.

Seinen menschlichen Hunger könnte er als Gottes Sohn selbst stillen. Seinen menschlichen Willen nach Selbstbestimmung und Macht über Gott könnte er stillen, indem er vom Tempel springt und sich retten lässt. Als Gottes Sohn könnte er die ganze Welt, alle Völker dieser Erde beherrschen. Als Sohn des Allmächtigen Gottes könnte Jesus all das tun.

Ich finde es bemerkenswert, dass all diese Möglichkeiten Jesus nicht erst durch den Teufel gegeben werden. Diese Möglichkeiten bringt Jesus selbst mit. Sie sind ein Teil von ihm und nun, geschwächt durch die lange Fastenzeit, durch einen extremen Hunger nach 40 Tagen und Nächten ohne Nahrung, da geraten die zwei Naturen in ihm aneinander.

Jesus wird im Matthäusevangelium an mehreren Stellen versucht und immer steht dabei nicht der Teufel selbst, sondern Jesu Ringen mit sich selbst und seinem Weg im Vordergrund. Jesus weiß, dass sein Weg ihn nach Jerusalem ans Kreuz bringen wird. An einer Stelle kündigt er seinen Tod vor den Jüngern an und Petrus versucht, Jesus von seinem Vorhaben abzubringen. Darauf sagt Jesus zu ihm: „Geh weg von mir, Satan!“ Petrus, in dessen Gestalt Jesus den Satan zu erkennen meint, hat einen wunden Punkt bei Jesus getroffen: Als Gottes Sohn muss er den Weg ans Kreuz gehen. Als Mensch würde Jesus sich eigentlich gerne von diesem leidvollen Weg abbringen lassen.

Die letzte Versuchung spielt sich im Garten Gethsemane ab. Zweimal bittet er Gott darum, doch nicht sterben zu müssen, diesen Becher nicht austrinken zu müssen. Aus ihm spricht die ganz menschliche Angst vor Leiden und vor Tod.

In diesen beiden Versuchungsgeschichten tauchen vor Jesus wieder Möglichkeiten auf, wie es anders, wie es leichter sein könnte. Wenn Jesus versucht wird, sei es durch den Teufel oder durch Petrus, dann hadert er eigentlich mit sich selbst.

Vielleicht spielt deshalb in diesen Geschichten die äußere Gestalt des Teufels keine Rolle. Weil die Versuchung, die Jesus erlebt nicht wirklich von außen kommt, sondern von innen. Ich glaube, der Teufel und seine Gestalt(en) haben in der Geschichte eine so große Karriere gemacht, weil es den Menschen leichter fällt das Böse als etwas von außen zu betrachten. Der Versucher in seiner unheimlichen Gestalt hat seinen Grund so nicht im Menschen, sondern in einer widergöttlichen Macht. Das ultimative Böse im Bild eines behörnten, bocksfüßigen Monsters.

Im ersten Testament steht der Versucher jedoch im Dienst Gottes und tritt als Ankläger der Menschen auf. Im zweiten Testament verklagt er die Gerechten vor Gott, er verursacht Krankheiten und verleitet Menschen zur Sünde. Die Vorstellungen vom Teufel erreichen im Mittelalter ihren unheimlichen, blutigen Höhepunkt: man meint ihn im Islam zu erkennen, in den Juden, in Ketzern und Hexen und er wird bekämpft mit Waffen und Feuer. Luther meinte, den Teufel in den Türken und im Papst zu erkennen. In diesen Vorstellungen war der Teufel auch immer jemand von den anderen, jemand von außen, dem man die Schuld über das Böse in der Welt in die Schuhe schieben konnte.

Mittlerweile glaube ich, dass es eine eigene Form der Versuchung ist, für den Teufel Bilder oder Menschen, in denen er wirkt zu finden. Oft war das Bild des Teufels nur eine Ausrede, um Gewalt anwenden zu können. Gewalt ist aber niemals der Weg Gottes.

Im Predigttext wirkt der Teufel, der Versucher abstrakter: Er wirkt in dem, was Jesus tun könnte: Seine Macht ausnutzen, vor der Verantwortung weg laufen, Gott untreu werden. Mir scheint dieses „Könnte“ ist die eigentliche Gestalt des Versuchers.

Die Geschichte von Jesus in der Wüste, auf dem Tempel und auf dem Berg lehrt, wie ich mit diesem Könnte umgehen kann. Jesus stößt den Versucher nicht sofort von sich, er setzt sich stattdessen in aller Ruhe mit ihm auseinander und hört sich an was er zu sagen hat. Wenn du der Sohn Gottes bist, befiehl doch, dass die Steine hier zu Brot werden. Wenn du der Sohn Gottes bist, spring hinunter! Das alles alles werde ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Nur, weil er hingehört hat, kann er auf die Versuchung reagieren. Jesus pariert mit Worten und Gehorsam Gott gegenüber. Nicht um Brot allein geht es, sondern um die Worte aus Gottes Mund. Gott soll man nicht auf die Probe stellen. Gott allein soll man anbeten.

Man muss nicht Jesus sein, um die Erfahrung des anstrengenden, aushungernden Wüstenwanderns gemacht zu haben. Man braucht nicht mal unbedingt eine Wüste. Das hinterlistige Könnte, dem Jesus begegnet ist, kann mich auch so immer mal wieder erwischen.

Das Könnte spricht dann meine Sprache und trifft meine wunden Punkte. Meine innersten Hoffnungen und Wünsche, denen ich sonst kein Gehör schenke. Aber wenn ich es wie Jesus halte und genau hin höre, dann lerne ich dabei etwas über meine eigene Natur, über meine Beschaffenheit.

Ich glaube, Gott hat den Menschen nicht ohne Grund mit einem freien Willen ausgestattet. Wir sind zur Freiheit berufen. Und Freiheit bedeutet: Möglichkeiten haben, andere Wege sehen können, ausprobieren dürfen und sich entscheiden können. So gesehen sind die Versuchungen, die Anfechtungen die ich erlebe nicht zwangsläufig schlecht oder böse. Sie zeigen mir, wie es auch sein könnte und nur dadurch kann ich eine Entscheidung treffen. Ohne vorheriges Hadern und anstrengende Infragestellung kann es zu keiner Vergewisserung kommen. Anfechtungen kommen nicht von einem behaarten Monster mit Hörnern. Tatsächlich sind sie Umarmungen Gottes.

Amen.

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